Die Umwandlung des Kopf- in einem Durchgangsbahnhof unter Verlegung des kompletten Baus in den Untergrund sei "ein absolut sinnfreies Milliardengrab", so einer der Sprecher der Bau-Gegner. Die Dauer des gigantischen Bauprojekts wird auf ein ganzes Jahrzehnt veranschlagt. Die tatsächlichem Kosten derweil kann heute noch niemand absehen. Die Schätzungen reichen von vier Milliarden bis elf Milliarden Euro.
Mittlerweile häufen sich die Zeichen, dass Projekt Stuttgart 21 "Geschmäckle" hat, wie man im Land der Schwaben sagt, wenn man meint, dass Vetternwirtschaft und die Politik der offenen Hand betrieben wird. Selbstverständlich ist die Baubranche größter Nutznießer des Projekts. Ein "Handfester Skandal" ist laut dem "Spiegel", dass bei einer Stichprobe des Zolls 80 % der kontrollierten Bauarbeiter auf der Großbaustelle Schwarzarbeiter waren.
Bereits 2001 kam es im Rahmen dieses Projekts zu verdeckten Subventionen gegenüber der Bahn. Es gab unterdrückte Negativ-Gutachten und geschönte Kostenplanung, wie der "Stern" berichtet.
Ein von der deutschen Bahn selbst in Auftrag gegebenes Gutachten kommt zu dem Schluss, der Untergrund der Stuttgarter Innenstadt sei für das Projekt ungeeignet. Er sei voller Hohlräume, in die das Grundwasser bei den unterirdischen Sprengungen gelangen würde. Eine vom "stern" in Auftrag gegebene Analyse des Tübinger Geologen Jakob Sierig bestätigt das. Sein Fazit: "Bei 'Stuttgart 21' geht es nicht um mögliche Risse in Häusern, es geht um mögliche Krater, in denen Häuser verschwinden können. Es geht um Menschenleben."
Selbst der Stararchitekt Frei Otto - einst einer der Väter des Projekts - warnt eindringlich davor, mit dem Bau des neuen Hauptbahnhofes zu beginnen. Man müsse jetzt "die Notbremse ziehen", es gehe "um Leib und Leben". Vor einem Jahr war Otto aus der S21-Gruppe wegen wachsender Sicherheitsbedenken ausgestiegen. "Aus moralischer Verantwortung heraus kann ich nicht anders handeln", erklärte er.
Je weiter das Projekt voranschreitet, desto massiver werden die Proteste weiter Teile der Bevölkerung. Seit Beginn des Abrisses des historischen Bahnhof -Nordflügels finden sich jeden Tag tausende von Stuttgarter vor der Baustelle ein. In ganz Stuttgart, zunehmend aber auch in anderen Großstädten Baden-Württembergs findet regelmäßig um 19 Uhr der „Schwabenstreich“ statt. Dabei veranstalten die versammelten Protestierenden mit Trillerpfeifen, Topfdecken und Trommeln einen infernalischen Lärm, der jedes Heavy-Metal-Konzert in den Schatten stellt.
Immer öfter kommt es auch zu ungeplanten Aktionen bürgerlichen Ungehorsams. Als die Aktivisten, die das Bahnhofsdach besetzt hatten, um die Abrissarbeiten zu behindern, von einem Sonderkommando gewaltsam entfernt wurden, bildeten sich als Reaktion darauf in der Stadt Sitzblockaden an mehreren Kreuzungen, der Verkehr kam zum erliegen. Diese Aktionen sind nicht organisiert; sie sind Zeichen für den wachsenden Unmut vieler Stuttgarter.
Die Reaktionen der Presse zu Stuttgart 21 sind gespalten. Das Blatt mit den vier Buchstaben titelte: „Stuttgart21-Gegner, nun seit ihr zu weit gegangen!“ und spricht immer häufiger von gewaltbereiten „S21-Chaoten“. Auch die „Welt“ schlägt sich auf die Seite des Großprojekts, während der „Spiegel“ wie auch der „stern“ das Projekt kritisch hinterfragen.
Den Verantwortlichen der Proteste erscheint es zunehmend so, als wolle man die Demonstrierenden als brutale Chaoten abstempeln. Immer wieder geisterte die Behauptung durch die Medien, dass die Projektgegner die blockierten Straßen auch für Krankentransporte mit Blaulicht nicht räumten. Die Redakteure der Freien Allgemeinen waren vor Ort. Die Ordnungskräfte nutzen die Krankenwagen vielerorts, die Blockaden zu sprengen. Selbstverständlich machten die Protestler die Straßen für den Notfall-Wagen frei, nur um mitzuerleben, wie dieser um die nächste Ecke bei den anderen Einsatzfahrzeugen abgestellt wurde.
Vorläufiger Höhepunkt der Proteste war die Gross-Demonstration an diesem Freitag, bei der laut Veranstalter trotz strömendem Regen 40.000 Demonstranten erschienen. Die Gegner des Milliarden-Vorhabens begannen die Protestaktion mit dem täglichen „Schwabenstreich“ und bewegten sich dann in Richtung des nahen Landtags, den sie dann mit einer Menschenkette einschlossen. Mehrere Hundertschaften der Polizei aus dem ganzen Land kamen zum Einsatz, viele wichtigen Verkehrswege mussten für Stunden gesperrt werden.
Die Stuttgarter lassen sich offensichtlich von durch die Abrissarbeiten unterstrichenen Behauptung, das Projekt Stuttgart 21 sei unumkehrbar, nicht entmutigen. Der Stuttgarter Kunsthistoriker Matthias Roser rief die Demonstranten zu: "Unumkehrbar ist nur eins: unser Widerstand!"




















































