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Essen ist Kultur

(vs) Hilft Knoblauch gegen Krebs? Und Zwiebeln gegen Magengeschwüre? Sollte man viel Wasser trinken? Und halten Orangen fit? In der heutigen Gesellschaft gibt es viele Ernährungsratschläge für ein gesundes Leben. Anstatt zu helfen, führen sie aber eher zu Verunsicherung.

 

Um dieser Verunsicherung gegen zu wirken fand Anfang November 2009 in Bonn der 4. Kongress für Kita- und Schulverpflegung statt. Unter dem Motto "Besser Essen in Kita und Schule- ein starkes Stück Gesundheit" befasste sich das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) mit den verschiedenen Aspekten einer guten Verpflegung. So sollen schon Kinder lernen, mit dem großen Angebot an Lebensmitteln umzugehen. Es sei wichtig, auf ein gesundes, ausgewogenes und schmackhaftes Essen zu achten, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin der Bundesernährungsministerin Julia Klöckner. Dabei solle Essen wieder Spaß machen und die kleine Auszeit vom Alltagsstress ermöglichen.

Mit den Zielen des 4. Kongresses für Kita- und Schulverpflegung findet eine Rückbesinnung statt -  weg vom Fertigessen hin zu frisch zubereiteten Mahlzeiten. Essen mit Freude anstatt der bloßen Nahrungsaufnahme. Diesen Standpunkt vertritt auch Ullrich Fichtner von Spiegel-online in seinem Kommentar. Ernährungswissenschaften seien irrelevant, so seine These.

"Knoblauch hilft gegen Krebs, Zwiebel gegen Magengeschwüre, roter Wein ist gut, rotes Fleisch ist böse". Ernährungsweisheiten wie diese seien nach Fichtner wahllos gespickte Meldungen. Er teilt ihre Erkenntnisse in drei Kategorien ein.  In Kategorie eins, Allgemeingut, fielen alle Studien die immer wieder feststellen, dass zu viel Fett und zu wenig Obst ungesund seien. Viel Bewegung mache fit und bringe den Kreislauf in Schwung. In der zweiten Kategorie seien irrelevante Studien zu finden. Sie wiesen in angeschlagenen Äpfeln Patullin nach. Dabei werde aber unterschlagen, dass niemand so viele Äpfel essen könne, dass er lebensgefährliche Mengen dieser Substanz zu sich nimmt. Kategorie drei betreffe "das Große und Ganze", unsere Ernährungsstörungen.

Fichtner kritisiert an den Ernährungswissenschaftlern vor allem, dass ihre Forschungen auf zu niedrigem Niveau stattfänden. Die Untersuchungen beschränkten sich meist auf die Einteilung der Nahrung in Brennwerte, Vitamine und Ballaststoffe. Die Hintergründe und Zusammenhänge zwischen gesundem Leben und Ernährung würden links liegen gelassen. Als Beispiel nennt Fichtner das "French paradox". Demnach erkranken Franzosen seltener an Herz- Kreislaufkrankheiten als andere Nationen. Ernährungswissenschaftler sehen den Grund dafür in der mediterranen Ernährungsweise der Franzosen. Das Übermaß an Butter, Käse und Fleisch bekämpften diese mit Rotwein. Tatsache sei jedoch, dass französische Ärzte lange Zeit weniger Herz- Kreislauf- Erkrankungen festgestellt haben als andere Ärzte. Die Herangehensweise der Chinesen an ihre Esskultur lobt Fichtner. Er sieht in ihrer "Tiefe der Erfahrungen, der Genauigkeit der Befunde" und dem "Reichtum an Essensspielen- und regeln" ein positives Vorbild für die westliche Welt. "Verbote, wie bei uns, gibt es kaum". Alles sei komplexer und verwobener. Zusammenhänge würden erkannt.

Amerika und Europa hingegen hätten in ihrer Essenskultur einen Entfremdungsprozess hinter sich. Das Essen werde industrialisiert. Damit gehe ein Teil der Kultur verloren. Die Menschen beschäftigten sich nicht mehr mit dem Essen. Es werde keine Zeit mehr für die Rezeptsuche aufgewendet. Keine Zeit um Neues auszuprobieren, keine Zeit um auf einen Markt zu gehen um mit Leuten zu reden, neue Sorten zu probieren, anzufassen, zu schmecken, riechen und tasten. Die Kultur habe sich auf das Warten vor der Mikrowelle beschränkt. Der Verlust der Kultur gehe dabei einher mit dem Verlust von Instinkten im Bezug auf Essen. Fichtner sieht darin die Ursache der Probleme mit der Ernährung. Das Essen als reine Nahrungsaufnahme habe demnach größere Auswirkungen auf die Seele des Konsumenten "als auf seine Blutfettwerte".

Fichtner ist der Meinung, dass Ernährungswissenschaftler die unmessbaren Dinge erforschen und dabei Zusammenhänge und Hintergründe erkennen müssten. Man könne die gut gemeinten ernährungswissenschaftlichen Ratschläge also getrost überlesen. Die nächsten würden bald kommen und uns das Gegenteil beweisen. Vielmehr solle man wieder anfangen über seine eigenen Bedürfnisse nachzudenken, mehr auf sich selbst zu hören und sich zu vertrauen.

Die Ziele des 4. Kongresses für Kita- und Schulverpflegung könnten ein Schritt in die richtige Richtung sein. Das Vertrauen, auf die Bedürfnisse des Körpers zu hören, wird durch ihr Programm schon bei Kindern sensibilisiert. Allerdings reichen die Bemühungen einer Organisation alleine nicht aus um Kindern wieder den richtigen Umgang mit Essen zu lehren. Auch Eltern, Geschwister und ihr ganzes Umfeld müssen sich auf den traditionellen Umgang mit Essen besinnen, um einen Wandel von der jetzigen zur traditionellen Essenskultur herbeiführen zu können. Essen sollte nicht mehr nur der Nahrungsaufnahme dienen, sondern wieder als ein Teil der Kultur betrachtet werden.

 

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