Schon verzweifelt muten da die Bemühungen der Verlage an, der Abwanderung der Zeitungsleser vor allem in Richtung elektronischer Medien wie dem Internet mit neuen Geschäftsmodellen zu begegnen. Der Hoffungsträger dabei vor allem: Das neue iPad von Apple, auf dem man seine Tageszeitung wie gewohnt als elektronische Ausgabe durchblättern kann. In den Verlagen werde, so der BDZV auf seiner Jahreskonferenz, intensiv an Inhalten, Design und Vermarktungsmodellen gearbeitet. Es bestehe Konsens, dass die neuen Tablets große Chancen böten, das klassische Geschäftsmodell der Zeitung, nämlich Vertriebserlöse plus Werbeerlöse, in die digitale Welt zu übertragen. Allerdings: „Die gesamte Branche bewegt sich in einer wichtigen Experimentierphase“, so der Hauptgeschäftsführer des BDZV, Dietmar Wolff. Und das soll wohl heißen: Ob sich das iPad als neue Zeitung der Zukunft durchsetzen kann, ist völlig offen. Eine Garantie auf Erfolg dieser Strategie gibt es nicht, ganz im Gegenteil: Das teure iPad stellt für den Otto-Normal-Zeitungsleser eher eine Nutzungsschwelle als ein wirklich komfortables Nutzungs-Medium dar.
„Das iPad ist als Gerät zur digitalen Zeitungsnutzung eine Todgeburt.“ Jan Gaspard, gelernter Tageszeitungredakteur, sieht als Journalist die deutschen Verleger auf einem verheerenden Irrweg. Das iPad sei der vergebliche Versuch der Zeitungsverlage, die alten Pfründe aus dem Verkauf von Papier-Zeitungen in die digitale Welt zu retten. „Keiner braucht mehr designte Zeitungsseiten im Web-Zeitalter. Das Internet hat längst seine sehr gut funktionierenden Gestaltungsformen für die Informationsvermittlung gefunden.“ Was die deutschen Zeitungs-Verleger immer noch nicht zur Kenntnis nehmen wollen, sei, so Gaspard, dass sie heute eigentlich niemand mehr braucht. „Ein Verlag an sich hat keine inhaltliche bzw. journalistische Kompetenz. Ein Verlag bringt die Informationen, die seine Autoren, Journalisten und Redakteure generieren, lediglich auf Papier und verteilt dieses Papier. Damit verdient er Geld. Und diese Funktion haben im Internetzeitalter die großen Provider, die die Inhalte von Journalisten längst per Datenübertragung an jeden Punkt der Welt verbreiten.“ Die Menschen haben PCs, haben Notebooks, haben Handys – sie bräuchten nun nicht auch noch ein iPad, wie es sich die Verleger wünschten und geradezu „herbei beten“, um sich zu informieren. „Und dafür auch noch extra Geld bezahlen sollen.“ Denn jeder User zahlt ja schon für seine Online-Nutzung an seine Provider. „Das ist das Geld, das die privaten Budgets bei den Tageszeitungs-Verlagen abziehen.“
„Ich kenne viele Journalisten-Kollegen, die sehr viel früher als ihre bisherigen Verleger erkannt haben, dass ein wahres Journalisten-Zeitalter längst begonnen hat.“ Der Beruf des Journalisten entwickelt sich heute rasant weiter – zu dem des Content-Managers. „Die Buch-Verleger sind da schon wesentlich weiter als die Zeitungsverleger“, hat Jan Gaspard – selbst auch Buch-Autor – beobachtet. „Auf der diesjährigen Buchmesse im Oktober in Frankfurt wird vor allem über ‚liquid Content‘ geredet werden – oder über ‚ContentDrive‘.“ Gemeint sei damit die Vermarktung von Inhalten quer durch alle denkbaren Medienformen hinweg. „Wer heute seine Zeitungsartikel nur noch schreiben kann, hat als Journalist längst ausgedient. Er muss seine Botschaft für die Medien-User auch bloggen können, einen Podcast dazu produzieren oder besser noch einen News-Beitrag als Bewegtbild, um über Channels wie Youtube oder eigene Websites seine Leser, Hörer oder Zuschauer zu erreichen.“ Für die Dienstleistungen, wie sie Verlage klassisch böten als Vermittler zwischen Journalisten – als den eigentlichen Content-Lieferanten – und Informationssuchenden, gebe es da einfach keinen Platz mehr. Multimedia-Agenturen und eben Internet-Provider hätten diese Plätze längst besetzt, und würden ihre Positionen sicher nicht ohne Not aufgeben, nur damit Verlage weiter ihre bisher enormen Gewinne einfahren könnten.
„Klar, dass in einer solchen neuen Medien-Welt die Panik bei den Zeitungsverlegern umgeht“, so Gaspard, heute selbst Herausgeber eines Internet-TV-Portals (www.nexworld.tv). In den vergangenen Jahren konnten gerade die Tageszeitungsverleger gewaltige Rationalisierungspotentiale realisieren – Dank ausgerechnet der Informationstechnologie. „Als ich vor 25 Jahren als Journalist auf der Schreibmaschine anfing, mussten die Verlage noch sieben Leute je Zeitungsseite in Redaktion, Texterfassung, Setzerei, Druckvorstufe und Druckerei vorhalten. Heute machen das Dank Zentralredaktionen und Ganzseitenumbruch gerade noch 0,5 Leute je Zeitungsseite in Redaktion und Druckerei. Die restlichen Jobs sind in den Jahren alle weggefallen.“ Die dabei realisierten Einsparungen gingen fast ausschließlich zugunsten der Verlage; bei den Redakteuren – die den Großteil der Mehr-Arbeit schultern mussten – landete davon wenig. Im Gegenteil – in den letzten Jahren versuchten immer mehr Zeitungsverlage, auch noch die Redaktionen outzusourcen und über nicht-tarifgebundene Zeitarbeitsfirmen einzusparen. „Doch jetzt ist die technologische Evolution im Zeitungsmarkt an ihrem Ende angekommen. Tageszeitungen, wie wir sie heute noch kennen, werden aussterben. Weil das Internet längst schneller, komfortabler und für alle Beteiligten – außer den Zeitungsverlegern – lukrativer ist.“
„Tageszeitungen als Organe der freien und öffentlichen Meinungsbildung sind im Nachkriegsdeutschland zu sehr zu verlängerten Armen der Lobbyisten in Wirtschaft verkommen, als dass ihnen – wie von den Verlagen gefordert – nun die Politik zur Hilfe heilen sollte.“ Beispiele wie der Verlauf der öffentlichen Diskussion über die Schweinegrippe im letzten Jahr zeigten, dass sich die Bürger längst von der Meinungsmache der Mainstream-Medien emanzipiert hätten. „Das kritische Hinterfragen der Schweinegrippe-Hysterie kam allein aus der Internetgemeinde, wo sich Journalisten wie die Österreicherin Jane Bürgermeister, die von ihren Verleger-Arbeitgebern boykottiert wurden, eigene Internet-Medien schufen, um ihre Botschaft zu verbreiten.“ Damals habe der Mainstream vor allem der Tageszeitungsverlage schließlich nur noch staunend der längst gekippten öffentlichen Meinung zu Thema Schweingrippe folgen können. Heute glaube niemand mehr, dass es je eine reale Gefahr durch eine Schweinegrippe-Pandemie gab. „Es gab nur die Gefahr der gezielten Desinformation durch gleichgeschaltete ‚alte‘ Medien.“
Auch die Suche nach neuen Geschäftsmodellen im Internet, die Qualitätsjournalismus auch stabil finanziert, ist längst sehr viel weiter, als die Tageszeitungsverlage noch glauben. „Nur spielen da die klassischen Verlage leider gar keine Rolle mehr.“ Journalisten sind längst Herausgeber ihrer eigenen Medien – wie das Beispiel Jane Bürgermeister zeigt -, finanzieren sich durch Spenden, durch Funding-Angebote wie „klickstarter.com“ sie bietet, und durch Google-Adds-Werbung. Oder bilden eigene Communitys, wie bei nexworld.tv, die für eigenen, exklusiven Inhalt ihren finanziellen Beitrag leisten. „Die Medien-Nutzer sind bereit, für gute journalistische Arbeit gutes Geld zu bezahlen – wenn sie den Informationswert unmittelbar spüren und in einen persönlichen Informations-Mehrwert umsetzen können.“ Aber niemand sei bereit, dabei zusätzlich noch das Gewinnstreben irgendwelcher Verleger zu finanzieren, die für Nachrichten-Präsentation und –Verbreitung schlichtweg nicht mehr gebraucht würden.




















































