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Von Bibern und Burgen - Auf Entdeckungstour durch das Zentral-Elsass

Straßburg (ddp). Der schwarze Schlapphut steht ihm gut. Dazu ein blaues Hemd mit rot-weißem Halstuch. Der Schalk lacht ihm aus den Augen. Irgendetwas an ihm erinnert an Huckleberry Finn, zumindest wie man sich diesen vorstellt. Aber er heißt Patrick Unterstock und lebt nicht am Mississippi. Seine Heimat ist das Große Ried, und langweilig wird es auch mit ihm nie. Die Rheinebene zwischen Straßburg und Colmar, eine waldreiche Landschaft mit überfluteten Wiesen, wird zunehmend von Naturliebhabern als Urlaubs- und Ausflugsziel entdeckt. Wenn Patrick, der "Batelier du Ried", seine Gäste in den selbstgebauten flachen, bis zu 12 Meter langen Holzkähnen über die Ill stakt, weiß er immer etwas zu erzählen. Von Beruf ist er eigentlich Kahnbauer wie schon sein Vater und Großvater. Inzwischen hat er sogar Baumhaus und Tipi gebaut und engagiert sich für umweltfreundlichen Tourismus.

 

Aufgewachsen in Muttersholtz, einer kleinen Stadt im Département Bas-Rhin (Unter-Elsass), etwa fünf Kilometer östlich von Sélestat (Schlettstadt), kennt Patrick die Landschaft wie seine Westentasche. Schon als kleiner Junge habe er immer an der Ill, dem linken Rheinzufluss, gespielt, gebadet und geangelt. Auf seinen Bootsfahrten lässt sich viel von der Natur, den Tieren und Pflanzen lernen, auch wenn bisweilen die Fantasie mit dem 37-jährigen Fährmann durchgeht und er in den überspülten Baumstämmen Drachen sieht, von schwimmenden Holzfällern, womit er die Biber meint, und einem Date mit Nixen erzählt. Libellen schwirren über dem Wasser. Nachtigall, Buntspecht, Bisamratten und Störche seien hier zu Hause. Der Storch ist auch das Wappentier des Elsass, erklärt Patrick. Das große Schwemmwiesenried der Ill-Niederung um Schlettstadt ist ein Naturparadies mit einzigartiger biologischer Vielfalt. Hoch oben schwebt ein Kormoran. "Angler hassen ihn", sagt er lakonisch.

Patrick hat fast täglich ein bis zwei Fahrten und schippert Ostern bis Allerheiligen, sobald sechs Personen zusammen sind. Etwa 14 passen auf das Boot, das früher mit Sand und Kies beladen wurde, wie er zu berichten weiß. Bereits Kelten und Römer transportierten Nahrungsmittel in derartigen Holzkähnen auf der Ill, fügt er hinzu. Im Mittelalter hätten sich entlang des Flusses zahlreiche kleine Häfen, Ladhöfe genannt, entwickelt. Auch die Kultur kommt bei Patrick nicht zu kurz. Er kennt die Legenden, Geschichten und auch Märchen. Muttersholtz sei 817 in einer Urkunde Ludwigs des Frommen erstmals urkundlich erwähnt worden und heute die Hauptstadt des Zentral-Elsass. Er empfiehlt, die humanistische Bibliothek zu besuchen.

"Die Ill läuft, wie sie will", wird er plötzlich poetisch. Tatsächlich gibt es auf dem knapp 217 Kilometer langen Hauptfluss der französischen Region Elsass bald rechts eine Biegung, dann wieder links. Er wurde abgeschürft und aufgeschüttet und hat 15 Schleusen. Auch Kanuten sind unterwegs. Mit seiner bis 4,50 Meter langen Stakstange manövriert Patrick den Kahn sicher durch das Gewässer. Als er vor dem "Weidenfriseur" warnt, ziehen nicht alle rechtzeitig den Kopf ein und die tief hängenden Weidenruten streifen manchem übers Gesicht. Die Frau mit dem Dutt streicht sich ärgerlich übers Haar.

Doch schon wird sie abgelenkt. Am westlichen Horizont zeichnet sich plötzlich eine Burg ab. Sie thront weit sichtbar auf einem Vorberg der Vogesen fast 800 Meter über der Rheinebene. Das Elsass habe die höchste Burgendichte Europas, was auf die bewegte Geschichte der Region schließen ließe, ist Patrick zu vernehmen. Die Silhouette der Haut-Koenigsbourg (Hohkönigsburg) bei Schlettstadt überragt die etwa 300 anderen befestigten Anlagen der Gegend. Als Bauherr gilt Friedrich II. von Hohenstaufen, der offensichtlich schon im 12. Jahrhundert ihre strategische Lage am Schnittpunkt wichtiger Handelsstraßen erkannte. Was wir heute sehen, sei allerdings das Neuschwanstein Kaiser Wilhelms II. Dieser hatte die Burg nach alten Vorbildern komplett neu als Museum des Mittelalters errichten lassen. Der Kaiser wohnte zwar niemals hier. Aber Besucher können einen prunkvollen Kaisersaal und vieles mehr bestaunen. Vom Burgfried reicht die Sicht bis Straßburg und die Schweizer Alpen.

"Nirgends ist Frankreich näher als im Elsass", zitiert Patrick beim Aussteigen den Slogan des Tourismusverbandes für das lange Zeit stark umkämpfte Grenzland. Allein zwischen 1870 und 1945 musste die Bevölkerung viermal die Nationalität wechseln. Das bedeutete andere Schulen, andere Straßennamen und immer wieder neue Gesetze. Die französische Lebensart und Gastronomie - wo Lebkuchen das ganze Jahr über gegessen wird - finden die deutschen Besucher bei kurzen Anreisewegen und überall wird Deutsch gesprochen. Dabei ist das Elsässisch nicht für jeden gut verständlich, ist es doch eine Art badisch-deutscher Dialekt, in dem "Wädele" für Eisbein und "Männerstolz" für Räucherwurst steht.

Bilder-Galerie (Bild anklicken zum Vergrößern)
 


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