Nachdem sich abzeichnet, dass die USA und ihre Verbündeten in vier Jahren ihre Kampfeinsätze am Hindukusch beenden und Afghanistan verlassen wollen, sei Karsai dabei, den Schulterschluss zu den Taliban zu suchen, erläuterten die Geheimdienstexperten. Karsai hatte vor kurzem einen "Friedensrat" einberufen, dem 70 afghanische Persönlichkeiten angehören. Unter ihnen seien auch Leute, die schon lange enge Verbindungen zu den Taliban unterhalten, hieß es in Kabul. Über diese streng geheime "Brücke" habe Karsai die Verbindung zu den Taliban aufgebaut, um zusammen mit ihnen ein "irgendwie gestaltetes neues Afghanistan aufzubauen", verlautete aus CIA-Quellen.
Der für Afghanistan verantwortliche Oberbefehlshaber, US-General David Petraeus, hatte nach Presseberichten die Kontaktaufnahme von Taliban-Führern mit der afghanischen Regierungsspitze bestätigt. Näheres dazu hatte der General nicht wissen lassen. Als Zeichen für die Übereinkunft Karsais mit den islamistischen Kämpfern wird von den Geheimdienstlern seine deutliche Distanzierung zum militärischen Engagement der USA in Afghanistan gewertet. Karsai hatte im Endeffekt verlangt, die ISAF-Truppen sollten in den Kasernen und Lagern bleiben. Die internationalen Soldaten sollten sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen. "Die Zeit zur Verringerung der Militärpräsenz der ISAF ist gekommen", hatte Karsai in der "Washington Post" erklärt.
"Wie der Deal letztlich mit den Taliban aussieht, wird mit Sicherheit nicht so schnell durchsickern", heißt es in den Geheimdienstberichten. Ein guter Kenner der afghanischen Verhältnisse, der Autor Ahmed Rashid, hatte vor einiger Zeit auf die Frage, ob eine neue Terrorherrschaft der Taliban am Hindukusch und ein zweites "9/11" zu befürchten sei, wenn die ISAF-Truppen Afghanistan verlassen haben, geantwortet: "Nein, die Taliban haben kein Interesse mehr am globalen Terror. Warum sollten sie nicht ein Arrangement mit dem Westen treffen, das ihnen die komplette weltpolitische Isolation erspart, die sie nach den Anschlägen, aber auch davor erfahren haben?" Die Taliban seien inzwischen offensichtlich "pragmatische Menschen" geworden. Ein CIA-Vertreter meinte, unter allen neuen Gesichtspunkten habe Karsai "offenbar den Weg zu den Taliban gefunden, um zusammen mit ihnen weiter an der Macht zu bleiben".
General Petraeus will nach dapd-Informationen am 23. November vor den Mitgliedern des Auswärtigen und des Verteidigungsausschusse des Bundestages in Berlin über die neuen US-Abzugspläne berichten, die zuvor von der Amerikanern bei dem Lissaboner NATO-Treffen am Wochenende vorgelegt werden sollen.
US-Präsident Barack Obama werde in zwei Jahren zur Wiederwahl nur antreten können, wenn er das Problem Afghanistan mit einem Truppenabzug wie im Irak gelöst habe, betonten politische Beobachter in Washington. Obama wolle "unter allen Umständen" heraus aus der "Afghanistan-Falle". Nach amerikanischen Zeitungsberichten hat die US-Regierung einen detaillierten Stufenplan entwickelt, nach dem der Truppenabzug vom Hindukusch bis 2014 vollständig beendet werden soll.
Obama wolle sein Vorhaben auf dem NATO-Gipfel in Lissabon vorlegen. 2012 soll in allen Gebieten Afghanistans der Wechsel begonnen haben, hieß es in Washington. Der amerikanische Sonderbeauftragte für Afghanistan, Richard Holbrooke, betonte, die NATO-Konferenz werde einen "Wendepunkt" in der Politik der USA für Afghanistan markieren. Es werde eine Strategie des Übergangs geben, mit dem Ziel, dass Afghanistan die Verantwortung für die Sicherheit des Landes Ende 2014 selbst übernehmen könne.
Die Geheimdienstler sehen das angelaufene "Aussteigerprogramm für reuige Taliban" sehr skeptisch. Viele von den vorgesehenen 250 Millionen Dollar dafür würden in "dunklen Kanälen" verschwinden, fürchten sie. Die Taliban-Führer haben Aussteigern mit Hinrichtung gedroht.
Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat dafür plädiert, eine nordafghanische Provinz im Verantwortungsbereich der Bundeswehr schon im nächsten Jahr afghanischen Sicherheitskräften zu übergeben. Namentlich wollte er die Provinz nicht nennen. Das würde den Taliban in die Hände spielen. Der Plan der Bundesregierung sehe vor, in zwei Jahren zum ersten Mal Bundeswehrkontingente abzuziehen, kündigte der Minister an. Gegenwärtig sind rund 130 000 Soldaten aus 48 Staaten in Afghanistan stationiert. Die internationalen Truppen haben in dem jetzt fast zehnjährigen Krieg gegen die Taliban über 2000 Soldaten verloren. Den größten Blutzoll erlitt die US-Armee.
Afghanischer Präsident Karsai bereits auf Seiten der Taliban?
Berlin/Kabul/Lissabon (dapd). Die Vermutungen von Vertretern westlicher Geheimdienste in Kabul sind brisant: Der afghanische Präsident Hamid Karsai soll sich bereits auf die Seite der Taliban geschlagen haben. "Wir haben zwar noch keine Beweise dafür, aber alle Informationen, die uns erreicht haben, sprechen dafür", sagte ein CIA-Mann der Nachrichtenagentur dapd am Dienstag in der afghanischen Hauptstadt. Karsai sei ein derartig "geschickter Jongleur", dass er bestimmt allen entsprechenden Fragen auf der am Freitag beginnenden NATO-Gipfelkonferenz in Lissabon "gekonnt ausweichen" werde, war auch von anderen westlichen Geheimdienstlern zu hören.
16.11.10 -























































