Die Wirtschaftsglobalisierung wird als Segen gerade für die dritte Welt angepriesen. Durch den Anschluss an den Weltmarkt sei es den Produzenten der Entwicklungsländer möglich, ihre Ware gewinnbringend auf dem Weltmarkt zu vertreiben. Natürlich müssten im Gegenzug Einfuhrbeschränkungen und Zölle beseitigt werden.
Die Folgen dieser WTO-Regeln sind für die betroffenen Länder verheerend. Bauern wie Lee verlieren ihre Existenzgrundlage durch die Agrarsubventionen und das Preis-Dumping der Industriestaaten, die mit ihren subventionierten Agrarprodukten die einheimischen Märkte überspülen und so die dort ansässigen Bauern in den Ruin treiben. Das Ziel dieser Taktik ist offensichtlich: der Nahrungsmarkt der Dritten-Welt-Länder sollen nach und nach vollständig in die Hände der internationalen Lebensmittel- und Saatgut-Konzerne gebracht werden.
Die Skrupellosigkeit dieser „Global Player“ ist für viele der Hungerkatastrophen dieser Welt verantwortlich. Als Beispiel soll hier Indien genügen. Dort hat es seit den 1940er Jahren keine Hungersnot mehr gegeben; nun jedoch steigt die Anzahl von Hungertoten. Eine Regierungsstudie zeigt: In einer Region war vor der Handelsliberalisierung kein einziges Kind unter sechs Jahren an Nahrungsmangel gestorben. Nach der Öffnung der Märkte verhungerten dort in einem Jahr 800 Kinder. Bereits im Jahr 2002 waren 47 Prozent aller Todesfälle unter Kindern dem Nahrungsmangel zuzuschreiben. Dabei sind durchaus genügend Nahrungsmittel vorhanden. Doch die durch Verträge gebundenen Bauern sind gezwungen, ihre Ernte zu Spottpreisen an die internationalen Weizengiganten zu verkaufen und sie damit dem heimischen Nahrungsmarkt zu entziehen. Die Armen können sich die überteuerten Preise nicht leisten, mit denen diese Firmen ihren Gewinn generieren. Und so verfaulen 65 Millionen Tonnen in den Lagerungsschuppen, während die Kinder hungern.
Dieser Wahnsinn hat System. Die selbstversorgenden Nahrungswirtschaften sollen in abhängige Wirtschaftsformen verwandelt werden, um die Einnahmen der Konzerne zu maximieren. Die Opfer unter den armen Bauern werden dabei nicht nur toleriert, sondern sind teilweise erwünscht – schließlich stellen sie eine Konkurrenz für die international operierenden Lebensmittelkonzerne dar.
Dieser ökonomische Krieg gegen die ¾ der Weltbevölkerung, die nach wie vor als Kleinbauern ihr bescheidenes Leben sichern, wird an mehreren Fronten zugleich geführt.
Eine weitere mächtige Waffe in diesem Vernichtungszug sind die Regelungen der WTO zum Schutz von geistigem Eigentum im Welthandel, die der Bio-Piraterie Tür und Tor öffnen. Sie erst machen es möglich, dass Konzerne wie Cargill, ConAgra oder Monsanto traditionelle Saaten oder deren Hybride zu ihrem Eigentum erklären und durch Patente schützen lassen können.
Herausragendstes Beispiel hierbei ist der letztlich gescheiterte Versuch der Firma Rice Tec, ein Patent für eine ihrer Reissorten unter dem Markennamen „Basmati“ anzumelden. Die Bauern in Indien und Pakistan, die ihren hochwertigen Reis seit Jahrhunderten so bezeichnen, hätten durch den Markenschutz das Recht verloren, ihren Reis unter diesem Namen zu vermarkten.
Auch schlichter Betrug findet sich im Arsenal der Konzerne. Durch gefälschte Studien und irreführende Werbung werden die Bauern dazu gebracht, hybrides Saatgut zu kaufen, das - in Verbindung mit teuren Düngemitteln und Pestiziden - eine hohe Ertragssteigerung verspricht. Doch die instabilen Sorten versagen reihenweise, was große Ernteverluste für die Bauern zur Folge hat und sie letztlich in den Ruin treibt. Mehr als 30.000 indische Bauern haben aus diesen Gründen bereits Suizid verübt.
Das es auch anders geht, zeigen Bewegungen wie Navdanya, die die Rückkehr vom mörderischen Agrobusiness zu einer nachhaltigen und natürlichen Nahrungswirtschaft vorantreiben. Mehr als 200.000 indische Bauern engagieren sich in diesem Netzwerk. Sie wenden sich ab von der Landwirtschaft mit chemischen Düngemitteln und Pestiziden; eine Erneuerung der Bodenfruchtbarkeit und der Biodiversität ist die Folge. Navdanya-Bauern können ihre Investitionen bis um 90 % senken, weil sie nicht mehr auf chemische Produkte der Großkonzerne angewiesen sind. Die Einkommen dieser Naturwirtschaft betreibenden Bauern sind drei Mal höher als die Einkommen der Chemie nutzenden Bauern. Überall auf der Welt bilden sich Netzwerke, die dem gewissenlosen Treiben der Großkonzerne und der WTO die Stirn bieten. Eine wichtige Rolle in dieser Bewegung spielt die Bürgerrechtlerin und Trägerin des alternativen Friedensnobelpreises Vandana Shiva, die in zahllosen Publikationen immer wieder auf die Machenschaften der Nahrungsgiganten und die Nöte der Bauern aufmerksam macht. Ihr Konzept einer demokratischen Nahrungswirtschaft, das sie „Erd-Demokratie“ nennt (gleichnamiges Buch erschienen im Rotpunktverlag), verspricht nachhaltigen und dennoch wirtschaftlichen Umgang mit den Ressourcen der Natur, statt deren skrupellosen und zerstörerischen Ausbeutung.
Bei der Leiche von Lee Kyung Hae fand man eine Notiz mit folgender Aufschrift: „Ich nehme mir mein Leben, damit andere Leben können.“ Sein Tod ist vor allen für uns Einwohner der Industriestaaten eine Botschaft, unsere Subvensionpolitik und unser Konsumverhalten zu überdenken. Wir sollten jenen weisen Satz von Mahatma Gandhi nicht vergessen:
„Die Erde bietet genug für die Befriedigung aller Bedürfnisse, aber nicht aller Gier“.
Es muss uns klar werden, das die neoliberale Globalisierung keine zwingende geschichtliche Entwicklung ist, sondern ein von der WTO und den Mega-Konzernen forcierte, zerstörerische Bewegung. Es ist an uns, die Globalisierung in eine positive, nachhaltige und die Welt bereichernde Bewegung zu verwandeln. Dass das kein Wunschtraum bleiben muss, zeigen die Erfolge von Netzwerken wie Navdanya, die Fair-Trade-Initiativen und der Erfolg von Organisationen wie Attac. Wir Konsumenten können allein durch unser Kaufverhalten den Machenschaften der Großkonzerne ein Ende zu bereiten. Es ist Zeit, damit zu beginnen.




















































