Was nun folgte empfand ich zum damaligen Zeitpunkt als Tortur. Zunächst musste ich mir eingestehen, dass ich etwas grundlegend in meinem Leben ändern musste, ohne genau zu wissen was. Bisher hatte ich alle beruflichen sowie privaten Probleme im Alleingang gelöst, ja sogar von mir verlangt, dies zu tun. Je größer ein alleine bewältigtes Problem war, desto stärker und wertvoller empfand ich mich. Doch nun war ich auf Hilfe angewiesen, ein ungewöhntes Gefühl. Im ersten Schritt vertraute ich mich einer Kollegin an, erzählte von meinem Zusammenbruch. Bereits seit Wochen schlief ich aufgrund von Albträumen schlecht, hatte Angst, meine E-Mails abzurufen, bekam Panikattacken, wenn das Telefon klingelte – von Kreativität und Lebensfreude waren nur noch Stümpfe übrig. Ich wusste, dass ich mich seit Jahren überarbeitet hatte, dennoch kam mir zu diesem Zeitpunkt nicht der Gedanke, ausgebrannt zu sein. Ich glaubte meinen Verstand verloren zu haben, fühlte mich hilf- und wertlos. Erst als mir meine Kollegin im persönlichen Gespräch mitteilte, dass es vielen ähnlich ergehen würde, wachte ich auf. Ich versprach ihr, einen Arzt aufzusuchen, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt seit ungefähr sieben Jahren keine Arztpraxis mehr von innen gesehen hatte. Für so etwas fehlte mir die Zeit.
Es folgte der Besuch bei einem Allgemeinmediziner, der sich zu meinem Erstaunen Zeit für ein intensives Gespräch nahm und zudem Einfühlungsvermögen besaß. Er überwies mich an einen Neurologen, der nach wenigen Minuten zum Telefonhörer griff und – zu meinem Entsetzen – einen Aufnahmetermin in einer psychosomatischen Klinik vereinbarte. Zu diesem Zeitpunkt war ich gesundheitlich so sehr angeschlagen, dass meine Gegenwehr allenfalls verhalten erfolgte – ich beugte mich meinem Schicksal. Ich konnte mich täglich höchstens zwei Stunden auf meine Arbeit konzentrieren und bewegte mich in meinem Alltag wie durch Watte. Benötigte ich etwas aus dem Supermarkt, musste ich es mir vorher notieren, denn sonst hatte ich es vergessen, wenn ich im Laden stand. Es kam vor, dass ich nach einem Telefonat den Hörer auflegte und mir augenblicklich der Inhalt des Gesprächs entfiel. Kurz gesagt, ich lieferte mir täglich den Beweis ein nervliches Wrack zu sein.
Erstkontakt mit meinem wahren Selbst
Nach sechs Wochen Wartezeit war es soweit: Ich stand vor dem Eingang der psychosomatischen Klinik und schämte mich in Grund und Boden. Wie konntest du nur so tief sinken? ging mir durch den Kopf. Schicksalsergeben und gebeugten Hauptes meldete ich mich am Empfang und wurde bald darauf von der Stationsschwester begrüßt. Später am Tag traf ich meine Mitpatienten und war unsicher, wie ich mich verhalten sollte. Nahezu alles kam mir irreal vor: In meinem Kopf schwirrten die für mich schwer verständlichen Klinikvorschriften, die Gesichter, Namen und Krankheitsgeschichten meiner Mitpatienten vollkommen durcheinander. Es sollten nahezu zwei Wochen vergehen, bis ich mich an den Klinikalltag gewöhnte und noch einmal etwa sieben Tage, bis ich mich in den Therapien vollständig öffnen konnte. Ich begann, mich in den Gesprächsrunden ohne Scheu mitzuteilen, meine Gefühle zu achten und auszudrücken. Durch mein hohes Arbeitspensum war es mir jahrelang nahezu unmöglich gewesen, private soziale Kontakte zu pflegen. Dies erschwerte es mir zunächst mit der Gruppe zu interagieren. In meiner Klinikgemeinschaft fanden die Begegnungen zudem auf einer sehr persönlichen Ebene statt: Nur wenige trugen eine Maske und die meisten zeigten sich – zumindest nach einer gewissen Eingewöhnungszeit – mit ihrem wahren Selbst. Wir hatten die Chance, unseren inneren Kern wieder zu entdecken. Der Umgang miteinander verlief meist bewusst, denn jede flapsige Bemerkung konnte negative Auswirkungen haben. Wenn beispielsweise Mareike (Name geändert) an unserem Esstisch im Speisesaal saß, waren Bemerkungen über Kantinenessen und Witze über Körpergewicht tabu. Mareike war wegen ihrer Magersucht eingeliefert worden. Daher begegnete ich Menschen auf bisher unbekannte tiefe und bewusste Art; ich merkte schnell, dass es unnötig war sich zu verstecken. Ich wurde verstanden.
Offenheit wird belohnt
In unserer Leistungsgesellschaft stellt es oft die Ausnahme dar, sich offen zu zeigen, zu seinen Schwächen zu stehen und um Hilfe zu bitten. Teilweise wird all das, was uns zum Menschen macht, abgelehnt, verleugnet und maschinenhaftes Verhalten an den Tag gelegt. Immer schneller, immer weiter, zu jeder Zeit mit voller Leistung verfügbar sein – das sind die Maximen. Aus Scham verschweigen viele Betroffene ihre psychische Erkrankung und manch einem Angehörigen ist es gar peinlich, wenn ein Familienmitglied depressiv ist. Zudem leidet der Lebenspartner häufig darunter, dass sich der betroffene Part der Beziehung sich in sein Schneckenhaus zurückzieht und den Partner somit abweist. Nicht nur der Depressive mag einen imaginären Versagerstempel auf der Stirn spüren, sondern auch der Freund, die Freundin, der Ehemann und die Ehefrau. Ist mein Partner unglücklich mit mir? Wie konnte er in unserer Beziehung depressiv werden? Habe ich versagt oder stimmt etwas mit mir nicht? Ebenso für Frustpotential auf beiden Seiten kann die Tatsache sorgen, dass der Betroffene unter Umständen Begebenheiten und Gespräche vergisst. Wenn er in solch einem Fall bereits zum wiederholten Mal am selben Tag das gleiche fragt, kann ein Hinweis darauf von ihm als Vorwurf (fehl)interpretiert werden. Jede Begegnung kann sich somit zu einem Minenfeld wandeln. Besonders, wenn die Lebenssituation aus den unterschiedlichsten Gründen nicht offen thematisiert werden kann. Wo Gefühle verheimlicht werden, ist es schwierig, die Krankheit zu überwinden – wenn nicht gar unmöglich. In unserer Gesellschaft scheint es nur in eng abgesteckten Bereichen opportun zu sein, Emotionen offen auszudrücken. Warum auch, wenn es zahlreiche Medikamente gibt, die emotionale Unpässlichkeiten unterdrücken und die gewohnte Leistungsfähigkeit per Pilleneinwurf reaktivieren?
Erst nach eineinhalb Jahren nach meinem Klinikaufenthalt hatte ich den nötigen Abstand gewonnen, offen mit meiner ehemaligen Erkrankung umzugehen. Zuvor fürchtete ich, beispielsweise in meiner Rolle als freiberuflicher Journalist Auftraggeber zu verschrecken. Schließlich könnten sie mich als unbelastbar und unzuverlässig einzustufen. Ich bekannte zunächst im kleinen persönlichen Umfeld Farbe, bis ich mich im Dezember 2010 entschloss, einen Artikel über meine Burnout-Erfahrung, über meinen Weg in die Hölle und zurück, zu veröffentlichen. Redaktion und Verlagsleitung ahnten im Vorfeld nichts von meiner Vergangenheit. In meinem Innersten spürte ich, dass es an der Zeit war einen Schritt nach vorne zu wagen, das Schweigen zu brechen, das Verständnis für Betroffene und Angehörige zu erhöhen und Hintergründe zu beleuchten. Ich bekannte mich öffentlich zu meinen Schwächen, die ich in den einzelnen Stationen meines Weges zu Stärken transformieren konnte. Durch meinen Zusammenbruch ergab sich die große Chance, Rückschau zu halten und mein Leben wieder nach meinen innersten, wahrhaftigsten Wünschen zu gestalten. Ich habe zu mir selber gefunden, gelernt frühzeitig zu kommunizieren, Grenzen zu ziehen und authentisch zu leben und zu arbeiten. Ich wusste nicht, was mich nach der Veröffentlichung meines Artikels erwarten würde; die Vielzahl an positiven Resonanzen waren überraschend. Der Glaubenssatz, man hätte den größeren Erfolg, wenn man persönliche Schwächen hinter einer Maske verbirgt, hat sich in meinem Fall als das zu erkennen gegeben, was er ist: Ein Irrtum.
Umdenken in Gesellschaft und Wirtschaft
Leider nehmen Unternehmer das emotionale Ausbluten ihrer Mitarbeiter (noch) viel zu häufig in Kauf, um der Gewinnmaximierung um jeden Preis zu frönen. Das Heer der Arbeitslosen bietet schließlich genug Menschenmaterial. Diese Einstellung lässt sich natürlich nicht auf alle Firmen im gleichen Maße übertragen, wenn überhaupt. Mancherorts werden Maßnahmen ergriffen, um Gesundheit und Arbeitskraft zu erhalten. Doch welchen Sinn hat es, kostenfreie Yogakurse anzubieten und die Gründe der Überlastung unangetastet zu lassen? Es bedarf ein wahres Umdenken und grundlegende Veränderungen und kein weiteres Pflaster auf der Wunde.
Zunächst wäre es wünschenswert, wenn sich Betroffene nicht nur ihren Familien, sondern auch ihren Arbeitskollegen und Vorgesetzten anvertrauen könnten, ohne berufliche Nachteile fürchten zu müssen. Ich selber verschlimmerte meine gesundheitliche Lage über Monate hinaus, indem ich so tat, als wäre alles in Ordnung. Es gilt die Schamgrenze zu überwinden und frühzeitig um Hilfe zu bitten – dafür muss jedoch das entsprechende Vertrauensverhältnis herrschen. Ist es eine Utopie, dass wir künftig unsere gesellschaftlichen Masken ablegen und unser wahres Selbst zeigen?
Aussicht
Ich schätze mich glücklich, den Weg aus meiner Erkrankung heraus gefunden und dabei auf Medikamente, insbesondere auf Psychopharmaka verzichtet zu haben. Als Makel sehe ich meinen Burnout schon lange nicht mehr an. So vielfältig wie die Hintergründe und Lebenssituationen jedes Einzelnen sind, so verbindet alle die Chance, ihr Leben von Grund auf neu zu gestalten. Dafür benötigen ehemalig Betroffene ein Umfeld, welches ihnen Vertrauen schenkt und sie einbindet. Je mehr Menschen sich ausgegrenzt fühlen, um so mehr werden ihre Erkrankung verheimlichen und der Teufelskreis beginnt von vorne.



















































