dapd: Warum ist Missbrauch aus Ihrer Sicht ein Thema, das so sehr mit der Kirche verbunden wird?
Schneider: Da muss man unterscheiden zwischen sexualisierter Gewalt und den Vorfällen in Heimen. Bei den Heimkindern sind alle Träger solcher Einrichtungen betroffen, also nicht nur die Kirchen. Aber man ist natürlich besonders aufmerksam, wenn es sich um kirchliche Einrichtungen handelt, weil wir einen besonderen Anspruch haben. Wir betreiben solche Heime, damit Menschen die Liebe Gottes erfahren. Die Liebe Gottes kann man nicht durch Prügel oder Diskriminierung oder Missachtung zum Ausdruck bringen. Wenn wir in der Kirche dies tun, dann werden wir unserem eigenen Anspruch nicht gerecht. Dann schaut die Öffentlichkeit besonders hin, ist besonders sensibel ? und das ist auch richtig so!
dapd: Hätten sie erwartet, dass das Ausmaß so groß ist?
Schneider: Das sind Vorgänge, die mich mit großer Scham erfüllen ? und die ich mir in dieser Intensität und Breite auch nicht hätte vorstellen können. Ich finde es gut, dass das öffentlich wurde - vor allen Dingen damit die Opfer eine öffentliche Anerkennung finden.
dapd: Und was ist mit den Fällen sexuellen Missbrauchs?
Schneider: Das Problem der sexualisierten Gewalt ist etwas anders gelagert. Das kommt am meisten in Familien vor, aber auch in Sportvereinen, Schulen und Internaten - aber auch in kirchlichen Einrichtungen und durch kirchliche Mitarbeitende. Hier ist das Verhältnis zwischen Täter und Opfer ein anderes als bei Institutionen wie den Heimen. Hier muss man auch sagen: Sexualität ist eine Macht, die nicht nur wir beherrschen und steuern, sondern die auch uns steuern, beherrschen und zu solch fürchterlichen Dingen führen kann.
Zollitsch: Verständnis für Vorwurf der Sexualfeindlichkeit der Kirche
Das Thema Missbrauch hat aber auch die katholische Kirche im Jahr 2010 schwer erschüttert. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, weist ebenfalls im dapd-Interview auf die gesamtgesellschaftliche Dimension des Problems hin: Die Sexualmoral der katholischen Kirche sei nicht der Auslöser für Missbrauch. Zugleich äußerte er Verständnis für den häufig geäußerten Vorwurf, die katholische Kirche sei sexualfeindlich. Die Fragen stellte dapd-Korrespondent Stephan Köhnlein.
dapd: Warum ist Missbrauch aus Ihrer Sicht ein Thema, das so sehr mit der katholischen Kirche verbunden wird?
Zollitsch: Sexueller Missbrauch ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, dem wir leider bis hinein in Nachbarschaft, Freundeskreis, ja die engste Familie begegnen. Das Thema hat uns als Kirche deshalb so hart getroffen, weil wir einen hohen moralischen Anspruch haben. Jeder Fall von sexuellem Missbrauch ist schlimm, ja ein Verbrechen. Vergleicht man die in der Kriminalstatistik erfasste Gesamtzahl der Fälle, so liegen die kirchlichen Taten deutlich im Promillebereich. Ich frage mich daher, wie viel Leid, das in anderen gesellschaftlichen Bereichen durch sexuellen Missbrauch entstand und entsteht, nicht bekannt ist. Ich würde mir wünschen, dass man unsere Anstrengungen mit Blick auf Aufklärung und Prävention anerkennt und mit vereinten Kräften daran geht, Missbrauch gesamtgesellschaftlich aufzudecken und anzugehen.
dapd: Hat die katholische Kirche genug unternommen, um Missbrauch in katholischen Einrichtungen künftig effektiver vorzubeugen? Denken Sie, dass die Strukturen in der katholischen Kirche den Missbrauch fördern?
Zollitsch: Wir haben ? bisher als einzige gesellschaftliche Gruppe in Deutschland ? neue und vor allem verschärfte Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch erlassen. Wir haben als einzige gesellschaftliche Gruppe ein Präventionsrahmenkonzept erarbeitet. Wir haben Hotlines geschaltet und Websites eingerichtet ? und zwar immer zuerst. Es war gut, dass die Regierung eine Missbrauchsbeauftragte benannt hat, die auch eine Hotline anbietet. Die Fülle unserer Maßnahmen zeigt, dass wir im Moment der Krise gehandelt haben.
dapd: Können Sie nachvollziehen, dass der katholischen Kirche Sexualfeindlichkeit vorgeworfen wird?
Zollitsch: Was die Sexualfeindlichkeit angeht, verstehe ich die häufig uns gegenüber vorgetragene Kritik. Wir müssen neu die Bedeutung von Sexualität und Liebe verständlich machen. Aber klar ist: die Sexualmoral der katholischen Kirche ist nicht Auslöser für Missbrauch. Wer einen solchen Vorwurf erhebt, ignoriert die schrecklichen, ja täglichen Missbräuche in Familien oder an anderen Orten unserer Gesellschaft.
EKD-Ratsvorsitzender entsetzt über Ausmaß von Missbrauch
Berlin (dapd). Das Thema Missbrauch hat nicht nur die katholische Kirche im Jahr 2010 schwer erschüttert. Auch aus evangelischen Institutionen wurden schwere Übergriffe auf Kinder und Jugendliche bekannt. Im dapd-Interview zeigte sich der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, entsetzt über «Intensität und Breite» dieser Vorgänge. Zugleich betonte er jedoch den Unterschied zwischen sexualisierter Gewalt und Missbrauch, der sich in Prügel oder Diskriminierung äußert. Die Fragen stellte dapd-Korrespondent Stephan Köhnlein.
29.12.10 -



















































