FA: Herr Elsässer, welche Chancen würden Sie einer „Sarrazin-Partei“ bei den Bundestagswahlen einräumen?
Bei einer Emnid-Umfrage von Anfang September entfielen auf 18 Prozent auf eine fiktive Sarrazin-Partei, eine vom CDU-Dissidenten Friedrich Merz geführte Formation hätte 20 Prozent bekommen, Ost-Pfarrer Joachim Gauck könnte sogar 25 Prozent abräumen. Offensichtlich ist den Leuten egal, wer sie aus dem Jammertal führt, solange derjenige für eine gewisse Respektabilität und Professionalität steht.
FA: Das Volk sehnt sich nach dem Mann mit der starken Hand, nach jemandem der die Probleme ausspricht und anpackt. Adolf Hitler war auch einer dieser „Führer“, der seine Karriere mit einem Buch begann. Sehen Sie eine gewisse Gefahr, dass die Deutschen nun wieder eine Führerfigur suchen?
Die Führerin ist doch schon da: Mutti Merkel. Die Zeit der starken Männer ist nämlich vorbei, jetzt kommen die Alpha-Dämchen mit ihren Jüngelchen - Röttgen, Rösler, Beust et tutti quanti - im Gepäck, die allesamt so labbrig und teigig sind, dass sie für jede Formveränderung taugen, die das Finanzkapital grade braucht. Statt politischer Diktatur wie bei Adolf haben wir das politische Nichts, in dem sich die ökonomischen Gewalten ganz ohne Restriktionen durchsetzen können. Statt Großdeutschland, was schlimm genug war, bekommen wir jetzt Schland, was auch zum Fürchten ist.
FA: Profitieren rechtsradikale Parteien wie NPD oder DVU vom Sarrazin-Hype?
Rechte Extremisten, das zeigen die demoskopischen Werte für die entsprechenden Splitterparteien, können von „Volksheld Sarrazin“ (Spiegel) nicht profitieren. Dazu passt, wie stark seine Anstöße nach links ausstrahlen: Bei der erwähnten Umfrage hatten 29 Prozent der Linke-Wähler ihr Kreuzchen bei der imaginären Sarrazin-Partei gemacht - das waren mehr als bei den Anhängern aller anderen.
FA: Es finden sich mehrere Kritikpunkte an den Sarrazin-Thesen und der entstehenden Heldenverehrung, allerdings kann man wohl nicht alle Kritikpunkte als populistisch abtun. Selbst Bundeskanzlerin Merkel erklärt „Multikulti“ für gescheitert. Wie ist dieses Chamäleon-Verhalten der Regierung zu werten?
Merkel quatscht und macht nichts. Multikulti gescheitert? Würde sie das ernstnehmen, müßte sie als erstes die Visumsbefreiung aufheben, in deren Genuß Albaner ab Neujahr kommen. Da werden ganze Clans ausgebuffter Profis einreisen - und die ehrlichen und fleißigen Albaner, die die Visumsbefreiung gar nicht bräuchten, in Mißkredit bringen. Und ab Mai 2011 fallen die letzten Beschränkungen für die Beschäftigung von EU-Ausländern auf dem deutschen Arbeitsmarkt - dann werden die einreisenden Rumänen etc. den seit langem hier lebenden Türken die Arbeitsplätze wegnehmen. Multikulti ist am Ende - jetzt kommt multikriminali, so lautet das Merkel-Programm.
FA: Viele SPD-Genossen würden am liebsten Herrn Sarrazin aus der Partei ausschließen, der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt macht sich allerdings für den Renegaten Sarrazin stark, versucht der analytische Schmidt einen Sarrazin-Märtyrer zu verhindern?
Es gibt außer Schmidt eine ganze Reihe von Linken - Mitglieder der SPD, der Grünen und der Linkspartei -, die Sarrazin gar nicht so schlecht finden. Einige von ihnen kommen in der aktuellen Ausgabe von COMPACT zu Wort. Sie haben erkannt, dass Sarrazins zentrale Forderung nach einer Umkehr in der Einwanderungspolitik ganz im Interesse der arbeitenden Menschen in diesem Land - im marxistischen Duktus: im Klasseninteresse des Proletariats - liegt. Die Zuwanderung ist seit ihrem Beginn in den sechziger Jahren ein Projekt der Großkonzerne, die durch den Import billiger „Gastarbeiter“ die Lohnquote immer mehr absenken konnten. Das ist ökonomisch gewollte Inländerfeindlichkeit - wobei man den Begriff durchaus weit fassen sollte: So, wie schwäbische Betongießer in der Altbundesrepublik anatolischen Zuzüglern weichen mussten, werden deren Jobs heute von polnischen oder baltischen Dienstleistern übernommen. Mit anderen Worten: Auch die Türken in Deutschland müssten in ihrem eigenen Interesse mit Sarrazin dafür sein, dass vor der großen Flut die Schleusen geschlossen werden.
FA: Wie kann eine neue Deutsche Mitte aussehen, wie wird die Parteienverteilung im Bundestag in naher Zukunft aussehen?
Es wird sich eine sechste Partei bilden, die die Unzufriedenen sammelt. Behüte uns Gott, wenn das eine rechtsradikale Partei a la NPD oder DVU wird, oder Brandstifter vom Schlage des Holländers Geert Wilders reüssieren. Nötig ist keine Rechtspartei, sondern ein echte Volkspartei mit starkem sozialdemokratischem Flügel - Linke von altem Schrot und Korn wie Altkanzler Schmidt. Dann kann eine solche Partei über 20 Prozent bekommen.
FA: Oliver Janich hat die Partei der Vernunft mitbegründet, könnten auch Sie sich vorstellen in eine Partei einzutreten oder gar zu gründen?
Einer Volkspartei würde ich mich anschließen. Aber Selbergründen und dann Vereinsmeierei betreiben - das bringt gar nichts. Ich bleibe bei meinen Leisten: Ich bin Journalist und will mit meinem neuen Monatsmagazin COMPACT den Leuten Lesefutter geben, die Politiker verdrossen, aber nicht Politik verdrossen sind. Demokratische Linke und demokratische Rechte, kluge Islamkritiker und kluge Muslime müssen ins Gespräch kommen - das ist das Ziel von COMPACT.
(Alle Informationen zu COMPACT: www.compact-magazin.com)






















































