So sei der Glaube an die Wiedergeburt im Buddhismus in solch einem Krisenfall sehr hilfreich, sagt Ehmcke, die als Professorin für Japanologie mit Schwerpunkt Kulturgeschichte an der Universität zu Köln arbeitet. «Da reagiert man natürlich anders, als wenn man glaubt, man habe nur ein Leben», erklärt die Wissenschaftlerin. Die Buddhas würden auch um Hilfe angerufen.
Wichtig sei im Buddhismus auch der Karma-Begriff. Karma bedeute, dass alle Dinge ihre Auswirkungen hätten, ob positiv oder negativ, sagt Ehmcke. So entstehe ein Gefühl, dass alles schon seinen Grund haben werde. «Es wird nicht einer anderen Macht die Schuld gegeben, sondern es wird davon ausgegangen, dass es Dinge gibt, die man selbst in ihrer Größe nicht überblicken kann», sagt sie. Deswegen blieben viele Japaner gelassen.
Kräfte der Natur als Gottheiten verehrt
Zugleich würden sich die meisten Japaner zum Shintoismus bekennen, sagt Ehmcke. In dieser Religion würden die Kräfte der Natur - Berge, Meere und Stürme - als Gottheiten verehrt. Anders als bei den alten Griechen oder Römern seien diese aber nicht als Götter personifiziert.
Die Japaner hätten auch viele lokale Gottheiten, die Orte bewachten. Wenn sich jetzt Menschen vor ihren kaputten Häusern mit zusammen gelegten Händen verneigten, ehrten sie zum einen die Verstorbenen, sagt die Wissenschaftlerin. Zum anderen verneigten sie sich vor den nicht-beherrschbaren Naturgewalten. «Sie akzeptieren es», erklärt die Japanologin.
Erstaunlich findet Ehmcke, dass diese Traditionen trotz aller Technisierung bewahrt worden seien. Die Japaner machten sich wenig Gedanken über religiöse Dinge, sondern lebten sie einfach, erklärt sie. «Das sind tradierte Riten. Es herrscht ein Gefühl vor, dass nicht alles beherrschbar ist und es auch eine andere Welt gibt.»
Umgang mit extremen Naturgewalten
Einfluss auf die Gelassenheit der Japaner habe auch ihr seit mehr als tausend Jahren erlernter Umgang mit den extremen Naturgewalten, fügt Ehmcke hinzu. Sie hätten auf ihren Inseln zahlreiche Erdbeben und Taifune aushalten müssen. «Das schweißt zusammen. Man kann so etwas nur gemeinsam, in Gruppen, bewältigen.»
Ähnlich argumentiert die Japanologin Verena Blechinger-Talcott von der Freien Universität Berlin. Die Diszipliniertheit der Japaner habe etwas mit der Gesellschaftsstruktur zu tun. Man habe im Laufe der Jahrhunderte gelernt, wie man sich in größeren Gruppen zu verhalten habe, dass immer Disziplin zu wahren und Panik zu vermeiden sei. Das gehöre zur japanischen Kultur.
Ehmcke bewundert die Japaner: «Das ist die einzige Kultur weltweit, die in einem solchen Fall so gelassen reagiert.» Die Japaner gerieten nicht in Panik, plünderten nicht, schrien nicht. Auch in der Not stehe man geduldig an, helfe sich und biete Wohnungen an, sagt sie.
Kraft und Ruhe - Buddhismus verhilft Japaner aus der Krise
Berlin (dapd). Trotz Erdbeben, Tsunami und nun drohendem Super-GAU wirken viele Japaner relativ gelassen, diszipliniert und ruhig. Ein Grund dafür ist ihr Glauben. «Die Religionen spielen bei der Bewältigung der Katastrophen eine große Rolle», sagt die Japanologin Franziska Ehmcke in einem dapd-Gespräch am Donnerstag. Die meisten Japaner seien sowohl Buddhisten als auch Shintoisten. Diese Lehren, die sich gegenseitig ergänzen, vermittelten eine völlig andere Einstellung zum Leben als das Christentum - und gäben zudem Trost und Halt.
17.03.11 -



















































