FA: Herr Langhans, ist der Siegeszug der Grünen verdient oder nur politisches Nutznießertum?
Langhans: Es ist schon verrückt, was hier gerade passiert, aber traurig, dass wir solche schrecklichen Katastrophen wie in Japan brauchen, um bestimmte Entwicklungen voran zu treiben. Immerhin reagieren die Deutschen darauf und die Grünen sind nun die politische Mitte und liegen voll im Trend.
FA: Wird nun ganz Deutschland „grün“ oder ist nur Baden-Württemberg ein vorübergehendes Phänomen?
Langhans: Deutschland wird, wie ich glaube, nicht über Nacht „grün“, aber der aktuelle Trend zeigt schon in welche Richtung das Wählerverhalten bundesweit geht. Ich finde, dass wir „grün“ werden müssen, wobei mir Bündnis-90 noch zu wenig „grün“ ist.
FA: Noch grüner als die Grünen?
Langhans: Ja, das ist notwendig. Wenn wir so weitermachen wie bisher, würden wir unseren Planeten vernichten. Daher müssen wir von unserem Konsum-Niveau herunterkommen, das gilt auch für die Wohlstands-Grünen.
FA: Was kann der Bürger ihrer Ansicht nach persönlich dazu beitragen?
Langhans: Das ist die entscheidende Frage: was kann ich persönlich tun? Soll ich meinen Beitrag leisten, obwohl alle anderen diesen Beitrag nicht leisten? Ich persönlich lebe schon seit einer langen Zeit auf einem sehr niedrigen Konsumlevel. Ich versuche möglichst wenig Materie für mein Leben einzusetzen. Was ich aber für mein Leben einsetze, sind die modernen Kommunikationstechnologien, wie das Internet, die derzeit beste Technologie, um unsere Situation zu verbessern.
FA: Ist das Internet die perfekte Kommune?
Langhans: Genau, die Möglichkeiten, die das Internet bietet sind mit dem Leben in der Kommune gleichzusetzen. Nehmen wir die arabische Revolte als Beispiel. Dort entstanden virtuelle Kommunen, Communities, von jüngeren Leuten, die gesehen haben, dass man anders leben kann. Plötzlich ist in diesen Staaten der Teufel los. Das Internet wird zum Instrument der Revolution, es ist nicht nur die Information aus dem Internet. Es werden ganz konkret mit Facebook und Twitter Revolutionen vorangetrieben.
FA: Ist das Internet die logische Konsequenz aus dem Lebensstil der 68er?
Langhans: Das Entscheidende ist, dass im Internet eine andere Art des Lebens passiert. Ein besseres Leben, ein Leben der Transparenz, ein Leben der Freundschaft. All die Dinge, die wir in der Kommune entwickelt hatten, wie: allgemeine Zärtlichkeit, kein Besitz, alles Mitteilen, alles Teilen. Und genau das passiert nun im Internet. Das soziale Internet, wie wir es heute kennen, wurde ja auch von kalifornischen 68ern erfunden. Auch die Hacker-Ethik basiert auf den Grundsätzen der 68er, es sind Leute, die Autoritäten ablehnen, die für Transparenz sorgen, die das private politisch machen. Es wird den Internet-Usern eingeredet, dass sie ihre Daten schützen sollen, ansonsten würde die Bösen ihre Daten missbrauchen, aber ich glaube, die jungen Nutzer des Internets erkennen, dass es mehr Vorteile als Nachteile hat, wenn man seine Daten offenlegt. Schließlich führt die Kommunikationsverbesserung zu mehr Liebe und genau das wollten wir damals.
FA: Was geschah damals genau?
Langhans: Zunächst konnte ich mit dieser Welt nichts anfangen. Ich war unfähig zu kommunizieren, vielleicht einfach verrückt. Doch ich war nicht allein, plötzlich waren da so viele Verrückte. Das hat mir geholfen meinen Weg weiterzugehen.
FA: War diese „ Verrücktheit“ ein Massenphänomen?
Langhans: Ja, das war global, alle haben diesen Impuls gefühlt, wir haben damals weder Drogen genommen, noch Sex gehabt und auch keine Musik gehört. Wir brauchten keine niederen Ekstase-Techniken um high zu werden. So schnell wie diese rätselhafte Hochekstase kam, verschwand sie allerdings auch wieder. Wir versuchten mit den bürgerlichen Ekstase-Techniken dieses Hoch wiederzuerlangen, aber es kam nie wieder zurück.
FA: Ein morphisches Feld?
Langhans: Ich würde sagen noch mehr als ein morphisches Feld. Ich würde sagen es war was unstoffliches, es war Spiritualität. Davon haben wir aber hier so wenig Ahnung. Als uns die Spiritualität förmlich überfiel, waren wir total überfordert. Wir dachten, es sei Links und müssen jetzt die Welt verbessern und die Systeme revolutionieren. So denkt man wohl als Materialist, wenn man diese spirituelle Erfahrung macht.
FA: Wie alt waren Sie?
Langhans: Ich war mit 27 Jahre einer der ältesten. Die eigentliche Hochphase war 1967, ja, wir waren einmal früher dran als in den USA. Wir hatten unser Woodstock ein Jahr vorher, das waren die Essener Songtage. Ich würde auch behaupten, dass wir spiritueller veranlagt sind als andere Völker.
FA: Könnte das wieder aufblühen?
Langhans: Es fühlt sich so an. Ihr seid die neuen 68er!
Sie sprachen von der Ekstase die nicht wiederkehrte; Hunter S. Thompson hat dies öfters in seinen Werken beschrieben, war er auch für Sie ein Kultautor?
Langhans: Hunter S. Thompson hat sich letztendlich umgebracht, weil er mit der ganzen Gewalt nicht mehr klar kam. Es viel alles auf ihn zurück, die ganze Gewalt und der Krieg. Ich denke, er hat wenig von den Dingen verstanden, die da wirklich waren.
Aber er hat sie gut zusammengefasst, ähnlich wie Sie: Er schrieb: „Es herrschte Wahnsinn in jeder Richtung, zu jeder Stunde, man konnte überall Funken erzeugen. Es herrschte ein fantastisches, universelles Gefühl, das was immer wir taten richtig war, dass wir gewinnen würden. Und das denke ich war der Haken. Dieses Gefühl des unvermeidlichen Sieges über das Alte und das Böse, nicht in einem fiesen oder militärischen Sinne, das hatten wir nicht nötig. Unsere Energien würden sich einfach durchsetzen. Wir hatten den Moment auf unserer Seite, wir ritten auf dem Kamm einer hohen und wunderschönen Welle. Und jetzt nicht ganz 5 Jahre später, kann man auf einen steilen Hügel in Las Vegas klettern und nach Westen sehen und wenn man die richtigen Augen hat, kann man die Hochwassermarke sehen, den Ort wo sich die Welle schließlich brach und zurückrollte.“
Langhans: Er hat einiges verdammt wichtiges und gutes geschrieben, aber er selber war doch wenig davon berührt, er hat immer geballert, war super aggressiv. Er war nur am Rande von den Dingen berührt, so wie Joschka Fischer, manche haben eben nur noch die Ausläufer dieses Gefühls mitbekommen. Andere, wie Thompson, versuchten mit LSD oder anderen Drogen, diesem Gefühl hinterherzurennen. Der LSD-Konsum war nur der hilflose Versuch, nochmal an diese Ekstase heranzukommen. Viele glauben heute, dass es LSD war, was uns so verrückt machte. Doch wenn man heute LSD nimmt, ist es ganz anders.
Ein bloßer Emotionsverstärker?
Langhans: Viel mehr noch, es geht in das kollektive Unbewusste ein. Unsere Umwelt war so ekstatisch, dass man bei LSD-Konsum von dem morphischen Feld geprägt wurde. Das heutige Feld ist ein ganz anderes. Heut ist der Trip anders.
FA: Wie denken Sie über die Zeit von damals?
Langhans: Es hat sich vieles zum Positiven weiterentwickelt. Die Jüngeren sind schließlich alles Kommunarden, sie bewohnen die virtuelle Kommune. Der Umgang im Internet ist freundlicher und man teilt Informationen und Besitz. Zwar versuchen die alten Strukturen das zu unterbinden, das Filesharing-Verbot zum Beispiel. Aber die Jungen wollen das, sie wollen die Besitzschranken nicht mehr beachten.
FA: Keine Macht für Niemand?
Langhans: Das Private ist politisch. Das Private ist viel wichtiger, als das öffentliche Leben, denn im privaten werden die wirklich wichtigen Entscheidungen getroffen. Es geht: Ich habe es im Dschungelcamp vorgeführt.
FA: Was haben Sie im Dschungelcamp vorgeführt?
Langhans: Kommune! Ich habe aufzeigen können, dass das Camp eine Kommune auf Zeit ist. Und gerade bei den ganz Jungen, die Interneteingeborenen, fand das großen Anklang. Die Alten hatten damit natürlich Schwierigkeiten. Ich sehe aber an den Reaktionen der Jugendlichen, die sich mit mir fotografieren lassen wollen, dass dieser Lebensstil ein Konzept für die Jungen sein kann. Die Kommune ist cool.
FA: Sie wollen ein Leben ohne Geld: Wieso nahmen sie das Geld von RTL?
Langhans: Normalerweise mache ich die Dinge mit so wenig Geld wie möglich. Beim Dschungelcamp war das nicht möglich, da gibt es eine riesen Menge Geld und das wird zu einem großen Problem für mich. Größer als der eigentliche Auftritt im Dschungel Camp. Ich überlege immer noch, was ich mit dem Geld mache. RTL muss ja auch noch eine Rate zahlen. Ich greife das Geld auch nicht an, ich verändere mein Leben nicht, es ist gut wie es ist. Ich habe durch meine Teilnahme auch eine Spendensumme erzeugt. Ich kann aber nur den Begünstigten der Spende aussuchen. RTL schlug vor, es den Hilfsprojekten der Bildzeitung zu spenden, das lehnte ich ab und gab es Wikileaks.
FA: Gibt es Projekte, die Sie unterstützen wollen?
Langhans: Ich weiß noch nicht, wohin ich dieses Geld geben will, fast alle Projekte haben einen materiellen Charakter, daher am ehesten in ein Internetprojekt, wobei das ja auch wiederum zu virtuellem Geld führt, ich bin aber offen für Neues, wenn jemand eine gute Idee hat, kann er das mir gerne vorschlagen.



















































