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Reine Magie: Was Augen sehen wenn sie nicht sehen

Sie schwirren und huschen durch unser Blickfeld: kleine Sternchen, transparente Kreise und schlängelnde Fäden. Am besten lassen sich diese sogenannten entoptische Phänomene mit dem Blick durch ein Mikroskop auf Kleinstlebewesen vergleichen. Unter Künstlern wird diese optische Erscheinung als Inspiration für ihre Werke genutzt, für andere sind sie ein Instrument der Meditation. Sind diese visuellen Erscheinungen ein interessantes Bindeglied zwischen Wissenschaft und Spiritualität, oder sind die schwirrenden Erscheinungen nur eine wissenschaftlich zu erklärende Illusion?

Von: Floco Tausin

Entoptische Phänomene sind abstrakte geometrische Formen, die sich unter bestimmten Umständen in unserem Blickfeld zeigen. Die bekanntesten sind die Nachbilder, die Mouches volantes (fliegende Mücken) und die Sternchen. Manche dieser Erscheinungen kennen wir aus dem Alltag, andere sind uns fremd. Die westliche Wissenschaft sieht solche Phänomene als das Resultat von physikalisch-optischen und physiologischen Vorgängen im menschlichen Körper; der Begriff „entoptisch“ bezieht sich auf die Vorstellung, dass die Ursache dieser Erscheinungen innerhalb unseres Sehsystems (vom Auge über den Sehnerv bis zum visuellen Sehzentrum im Hirn) liegt. In anderen Kulturen und Zeiten jedoch haben aussergewöhnliche subjektive Wahrnehmungen wie die entoptischen Erscheinungen eine religiös-spirituelle Deutung erfahren.

 

Nachbilder

Die Nachbilder sind von den hier vorgestellten Phänomenen diejenige Erscheinung, die am meisten wahrgenommen und erforscht sind. Der Begriff bezieht sich auf das Nachwirken einer visuellen Empfindung, wenn der tatsächliche Reiz eines betrachteten Gegenstandes nicht mehr da ist. Eine spirituelle Bedeutung haben Nachbilder in Zusammenhang mit dem Aura-Sehen erfahren. „Aura“ bezeichnet in der Esoterik den Energiekörper, welcher eine Person umgibt und von sensiblen Menschen als Farbspektrum wahrgenommen werden kann. Die wichtigste Vorstellung über die Aura ist, dass sie Informationen über das Objekt beinhaltet, die sich durch unterschiedliche Farben und Intensitäten in der Aura äussern. Die Aura eines Menschen verrät beispielsweise seinen augenblicklichen Gesundheits- und Gemütszustand, sowie seinen Charakter.

 

Um die Aura zu sehen muss der/die Übende die Empfindlichkeit der Augen sowie das wahrnehmbare Spektrum über die sehbaren Wellenlängen hinaus erweitern. Dazu wird die periphere Wahrnehmung trainiert, die Beleuchtungszeit verlängert und der Sehvorgang allgemein erweitert durch die verbesserte Kommunikation zwischen linker und rechter Hirnhälfte. Übungen dazu sind etwa das konzentrierte Fokussieren auf einen einzigen Punkt für längere Zeit, oder das Doppelt-Sehen gewisser Gegenstände durch Schielübungen. Die längere Konzentration auf einen Punkt fördert auf physiologischer Ebene die Entstehung von Nachbildern, welche von den Übenden als Aura des betrachteten Objekts gedeutet werden. Komplexere, z.B. mehrschichtige, mehrfarbige, pulsierende Aura-Bilder können jedoch nicht mehr allein durch Nachbildeffekte erklärt werden; halluzinatorische, biophotonische und synästhetische Vorgänge könnten als weitere Erklärungshilfen herangezogen werden.


Mouches volantes

Der Begriff „Mouches volantes“ (französisch für „fliegende Fliegen/ Mücken“) stammt aus der Augenheilkunde und bezeichnet dort alle Arten von Glaskörpertrübungen, die ein Mensch subjektiv in seinem Blickfeld feststellen kann. In den meisten Fällen gelten Mouches volantes als harmlos und nicht therapiebedürftig. Diese harmlosen Mouches volantes werden meistens als verklumpte Glaskörperfibrillen erklärt und können als vereinzelte, sehr bewegliche und transparente Punkte, Kreise und Fäden gesehen werden. Gut sichtbar sind sie bei hellen Lichtverhältnissen.

In den 1990er Jahren machte ich im Schweizer Emmental die Bekanntschaft mit einem Einsiedler namens Nestor, der sich selbst als Seher bezeichnet. In der aussergewöhnlichen Weltdeutung und Lebensweise von Nestor spielen die Mouches volantes eine zentrale Rolle.

Für ihn ist die Wahrnehmung dieser Punkte und Fäden das Resultat der bisherigen Bewusstseinsentwicklung eines Menschen. Im Laufe von weiteren Fortschritten in diesem Prozess, herbeigeführt durch eine ethische Lebenshaltung, konsequente Leibes- und Atemübungen, sowie erweiterte Bewusstseinszustände, verändert sich unsere Wahrnehmung der Mouches volantes: Stören sie uns zu Beginn eher als trübe oder transparente, ablenkende Punkte und Fäden, sehen wir sie später als grosse Kugeln und Fäden, auf die wir unsere Konzentration richten und sie damit zum Leuchten bringen. Nestor praktiziert das Sehen der Mouches volantes als eine Meditation mit offenen Augen. Für ihn geht es darum, die „Quelle“ in dieser Struktur zu finden, d.h. die Kugel, welche unseren Durchgang in die jenseitige Welt darstellt.



Sternchen

Ein weiteres entoptisches Phänomen, das häufig mit den Mouches volantes verwechselt wird, sind die „Sternchen“ (blue field entoptic phenomenon). Es handelt sich um hell leuchtende Kügelchen, die sich in gewundenen Bahnen bewegen. Sternchen sind gut wahrnehmbar, wenn wir ohne Fokussierung in den freien Himmel blicken. In körperlichen Extremzuständen können sie sehr deutlich und leuchtend erscheinen, z.B. bei niederem Blutdruck, Schwindel, Schwärze vor den Augen und beginnender Ohnmacht. In der Augenheilkunde werden die Sternchen als weisse Blutkörperchen (Leukozyten) erklärt, die sich in den Netzhautgefässen des Auges bewegen.

Eine Verknüpfung von Sternchen und ganzheitlich-spirituellen Erklärungen treffen wir im Bereich der Esoterik relativ häufig an: Meistens wird argumentiert, die Sternchen seien die visuell sichtbare Lebensenergie oder eine Form davon. Dabei wird häufig auf aussereuropäische Konzepte von Lebensenergie wie prana, chi oder ki zurückgegriffen. Doch eine tiefgründigere Theorie, die das Phänomen erklären könnte, ist schwer zu finden.

Eine Ausnahme bildet Wilhelm Reichs umstrittene Orgon-Theorie. In den 1930er und 1940er Jahren führte Dr. Wilhelm Reich (1897-1957) eine Reihe von biophysikalischen Experimenten durch, die seiner Ansicht nach zeigten, dass organisches Material (auch der menschliche Körper) durch eine Energie „erregt“ wurde. Diese Energie konnte er visuell, thermisch und elektromikroskopisch nachweisen, und zwar im Sonnenlicht, im Erdboden, in der Atmosphäre und in lebenden Organismen. Er nannte diese Energie „Orgon“ und setzte sie therapeutisch ein. Von eher spirituell orientierten Anhängern der Orgontheorie wird die Konzentration auf den visuellen Ausdruck des Orgon empfohlen: Nach dieser Ansicht widerspricht die Wahrnehmung der energetischen Sternchen diametral der Wahrnehmung der physischen, materiellen Objekte. Und da wir gewohnt sind, auf die physische Welt zu blicken, bedarf es grosser Konzentration um diese Sternchen für eine längere Zeit ohne Unterbruch zu sehen. Um dies zu erreichen, müsse der innere Dialog, das Ego, zur Ruhe gebracht werden. Nach dieser Beschreibung kann die Konzentration auf die Sternchen daher wie die Konzentration auf Mouches volantes als Meditation mit offenen Augen aufgefasst werden.

 

Entoptische Erscheinungen als Gegenstand der Meditation mit offenen Augen

Das Gemeinsame bei allen besprochenen entoptischen Phänomenen ist, dass sie eine spirituelle Bedeutung erfahren haben. Dies geht einher mit der Vorstellung, dass ein Mensch durch eine bestimmte Lebensführung und bestimmte spirituelle Praktiken sein Bewusstsein verändert und dadurch seine Wahrnehmung erweitert. Im Fall von erweiterter visueller Wahrnehmung wird oft von einem „inneren Sehsinn“ bzw. von einem „dritten Auge“ gesprochen. Aura, Mouches volantes und Sternchen können in diesem Sinn als unterschiedliche Objekte des dritten Auges verstanden werden; für die Praktizierenden führt ihre Betrachtung zu Erkenntnissen über Mensch und Welt. Die Wissenschaft hingegen macht keine so weit reichenden Interpretationen sondern begnügt sich damit, die physiologischen und optischen Grundlagen zu beschreiben. Welche Erklärung man auch immer bevorzugt, immer gilt bei entoptischen Erscheinungen: Der Blick nach aussen ist der Blick nach innen.

 

Über den Autor:

Der Name Floco Tausin ist ein Pseudonym. Der Autor studierte an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern und befasst sich in Theorie und Praxis mit der Erforschung subjektiver visueller Phänomene im Zusammenhang mit veränderten Bewusstseinszuständen und Bewusstseinsentwicklung. 2004 veröffentlichte er die mystische Geschichte „Mouches Volantes“ über die Lehre des im Schweizer Emmental lebenden Sehers Nestor und die spirituelle Bedeutung der Mouches volantes.

 

Angaben zum Buch: „Mouches Volantes – Die Leuchtstruktur des Bewusstseins“, Leuchtstruktur Verlag (Bern) 2010, Paperback, 376 Seiten, 24.90 € / 39.80 CHF, Genre: Belletristik/mystische Erzählung.


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