Seit knapp sechs Jahren ziehen die Schüler schon mit Springer, Läufer und Turm gegeneinander zu Felde. Angefangen habe alles mit einem Projekt zur Begabtenförderung, bei dem zusätzlich zum normalen Unterricht Schach gelehrt wurde, sagt Rektor Karl-Heinrich George. Aus dem einstigen Modellprojekt entwickelte sich eine freiwillige nachmittägliche Arbeitsgemeinschaft (AG) Schach für Dritt- und Viertklässler, bis zu Beginn des aktuellen Schuljahres schließlich Schach als zusätzliches Fach für sämtliche Erstklässler eingeführt wurde. «Die Kinder profitierten davon», betont George. Zwar kann George keine wissenschaftlich fundierten Ergebnisse vorweisen, aber einen «subjektiven Eindruck». Und der sei, dass das Strategiespiel «bei allen Kindern etwas Positives bewirkt». Was das genau ist, lasse sich schwer verallgemeinern. Manche seien besser in Rechnen geworden, manche im Lesen, andere wiederum könnten sich nun deutlich besser konzentrieren. Vor allem die nicht so guten Schüler profitierten vom Schach, bemerkten George und die übrigen allesamt ehrenamtlichen Schachlehrer. Damit belegt die Schule eine Studie der Universität Trier, die damals Auslöser für das Modellprojekt war. Schachlehrer Günter Schaub, ein pensionierter Lehrer, steht an der Tafel vor einem großen magnetischen Schachbrett. Nur noch beide Könige und eine Dame sind übrig geblieben. «Wie treibt die Dame mit ihrem König den anderen König ins Schachmatt?», fragt er in die Runde und kreist mit seinem rechten Arm dabei über das Spielfeld. Imke und Luisa melden sich, Luisa darf an die Tafel. «Man zieht mit der Dame immer so, dass sie den anderen König schlagen könnte, wenn sie ein Springer wäre», sagt die Siebenjährige. «Das hast Du messerscharf formuliert», antwortet George. Stolz setzt sich Luisa wieder. Neben den Grundregeln werden den Erstklässlern auch schon erste Taktiken für das Eröffnen oder Mattsetzen des Gegners beigebracht. Alle Schüler müssen die Situation an der Tafel nun nachstellen und selbst auf den Brettern vor sich nachspielen. Das Erlernte dürfen und sollen sie danach im freien Spiel anwenden. Imke und Christina eröffnen das Spiel gekonnt, indem sie die Mittelbauern ins Zentrum rücken, die sogenannten Leichtfiguren Springer und Läufer schnell aufs Feld ziehen und danach mit Turm und König eine Rochade machen. Schachlehrer Axel Harnier ist ganz perplex vor Begeisterung, als er Imke und Christina zuschaut. «Die beiden haben alles befolgt, was man bei einer guten Eröffnung machen sollte», sagt er. Anschließend geht Harnier von Tisch zu Tisch, schaut den jungen Spielern über die Schulter, gibt Tipps, klärt strittige Züge. Zwischen fünf und sechs Schachlehrer kümmern sich pro Stunde gleichzeitig um die Kinder. Das wäre ohne deren ehrenamtliches Engagement kaum denkbar, sagt George. Trotzdem soll alles ein bisschen offizieller werden. Der Rektor will das Pflichtfach Schach in einem offiziellen Schulversuch auf breiterer Basis testen. Neben den möglicherweise bildungsrelevanten Erkenntnissen wie besserer Auffassungsgabe oder höherer Konzentrationsfähigkeit haben die Bad Hersfelder Schachlehrer auch noch ganz andere Beobachtungen gemacht. «Jungs spielen aggressiver», sagt George. Sie wollten ihren Gegner eher «vom Spielbrett haben», während es Mädchen vielmehr um schöne, längere und strategischere Partien gehe. Und während Mädchen das Spielen schneller lernten, blieben die Jungs länger dabei. Imke und Christina kriegen aber auch nach Schulschluss nicht genug vom Schachspiel. «Ich spiele gegen meinen Bruder», sagt Christina: «Der ist 23 und sehr gut. Aber ich hab auch schon mal gewonnen.»(ddp)






















































